Deutsch-Chinesische Gesellschaft Jena e.V.

Werke Lin Yutangs (1895-1976)

Nachdem ich in unserer ersten Literaturecke Romane der klassischen chinesischen Literatur vorgestellt habe, möchte ich nun einige Werke des chinesischen Schriftstellers Lin Yutang, einen Schriftsteller, Übersetzer und Linguisten tief verwurzelt in den chinesischen und westlichen Kulturen, vorstellen. Er wurde für sein literarisches Schaffen viermal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Zudem erfand er die für die chinesische Schrift ausgelegte Schreibmaschine „Mingkuai".

Lin Yutang, geboren 1895 kam 1921 von Paris für ein Semester zum Weiterstudium nach China. Lin Yutang studierte im Sommersemester 1921 an der Jenaer Universität und setzte danach seine Studien an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig fort. Hier promovierte er 1923 mit der Arbeit „Zur altchinesischen Lautlehre" unter der Betreuung des bekannten Sinologen August Conrady. Während seiner Zeit in Jena wohnte Lin Yutang in der Sophienstraße 2. Aus Anlass seines 120. Geburtstages wurde ihm zu Ehren am 26.11.2015 über der Eingangstür eine Gedenktafel angebracht. (Foto)

Bereits vor der Anbringung der Gedenktafel fand in der Zeit vom 6.- 22. Oktober 2015 im Universitätshauptgebäude (UHG) Jena eine Ausstellung zum Leben von Lin Yutang unter dem Titel „Der chinesischen Schriftsteller Lin Yutang (1895-1976) Studium und Promotion. Von Jena nach Leipzig“ - „作家 - 林语堂 (1895-1976). 耶拿与莱比锡的西学生涯“ statt. In einer Zusammenarbeit der Universitäten Jena und Leipzig sowie der Deutsch-chinesischen Gesellschaft Jena wurden hier erstmals zahlreiche Fotos, Dokumente oder Urkunden aus dem Leben Lin Yutangs in der Öffentlichkeit gezeigt.

Da Lin Yutang lange Zeit im Ausland, vor allem in den USA lebte, schrieb er viele seiner Werke in englischer Sprache, von denen viele ins Deutsche übersetzt worden sind. Mittlerweile gibt es auch viele seiner Bücher in chinesischer Sprache. Seine Werke umfassen Belletristik, chinesisches Geistesleben oder chinesische klassische Literatur. Als Christ schrieb er auch Werke über das Christentum.

Nach dieser kurzen Einleitung möchte ich nun sechs seiner Werke vorstellen und anschließend noch eine kleine Übersicht über einige seiner ins Deutsche übersetzte Literatur geben. Da viele seiner Werke aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurden füge ich in Klammern noch den engl. Originaltitel bei.

 

Mein Land und mein Volk. Mit einem Vorwort v. Pearl S. Buck. Aus dem Engl. übertr. v. W. E. Süskind (My Country and My People, 1935). Stuttgart; Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt, 1935, 5.-6. Tsd., 441 S., Dt. EA 1935

"Mein Land und mein Volk" vermittelt einen Überblick über das Denken, Verhalten und die Sozialphilosophie Chinas. In den einzelnen Kapiteln analysiert Lin mit großer Beobachtungsschärfe die mentale und ethische Verfassung, die Ideale des chinesischen Volkes, sein soziales, politisches und literarisches Leben, die Stellung der Frau, des Mannes und der Familie.

Auch wenn das Werk sich mit dem China in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befasst, so ist sein Inhalt gleichwohl hochaktuell und leistet einen intensiven Beitrag zum Verständnis auch des gegenwärtigen China und seiner nicht immer leicht verständlichen Kultur. Er schlägt eine Brücke zum China von heute und zeigt, wie zeitgemäß Lin Yutangs Ansichten noch, oder vielmehr wieder, sind!

 

Peking. Augenblick und Ewigkeit. Aus dem Amerik. v. L. Rossi (Moment in Peking, 1939). Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg, 1950, 2 Bde., 1. Aufl., Dt. EA 1950

Das zweibändige Werk zeigt in handlungsreichem Ablauf zwischen 1900-1938 anhand der Geschichte der beiden Familien Yao und Tseng und besonders am Schicksal des Mädchens Yao Mulan die Geschichte Chinas vom Reich der alten Tradition zum Land des Elends, des Hungers sowie der Boxerunruhen 1900 in China. Der reiche Kaufherr Yao, ein kluger und gebildeter Taoist, hat sich ganz aus dem Geschäftsleben zurückgezogen und überlässt die Verwaltung seinem Schwager Föng. Er selbst widmet sich mit Liebe dem Studium alter Knocheninschriften. Doch verschließt er sich nicht modernen Ideen: die Füße seiner Töchter werden nicht mehr kunstvoll verkrüppelt. Während der Aufstände flieht er mit seiner Frau, dem Sohn Tijen und den Töchtern Mulan und Motschou aus Peking in ein Landhaus nach Hangzhou. In den Wirren der Flucht wird die zehnjährige Mulan von ihrer Familie getrennt, von einer Kindesräuberin mitgenommen und mit einem anderen jungen Mädchen, Dämmer-Duft, in einem einsamen Haus gefangen gehalten.

 

Blatt im Sturm. Aus dem Amerik. v. L. Rossi (A leaf in the storm, 1941). Frankfurt/M.; Hamburg: G. B. & Co. Verlags- und Vertriebsgesellschaft, 1953, ungekürzte Sonderausgabe, 544 S., Dt. EA 1944

In loser Fortsetzung zu „Peking - Augenblick und Ewigkeit“ erzählt das Buch die Geschichte Poyas, des Sohnes von Yao Tijen und seiner Dienerin Silber-Schirm. In unglücklicher Ehe enttäuscht, verliebt Poya sich in die schöne, geheimnisvolle Malin, die vor den Japanern auf der Flucht ist. Als sie Peking verlassen muß, bringt Poyas älterer Freund Lao-Peng sie in aufreibenden Fußmärschen nach Süden, und von ihm, der ihr die Reinheit buddhistischer Lehre vorlebt, lernt sie echte Nächstenliebe und Arbeit für die leidenden Mitmenschen. Um die Japaner zu täuschen - sie war die Geliebte mehrerer Generale und in Spionagefälle verwickelt - ändert sie ihren Namen und nennt sich jetzt Tanni. Noch einmal trifft sie mit Poya zusammen, dann werden sie durch die Kriegswirren - wie es scheint, endgültig - getrennt.

 

Die Chinesenstadt. Aus dem Engl. v. Leonore Schlaich (Chinatown family, 1948). Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1952, 1. Aufl., 366 S., Dt. EA 1952

Die Handlung spielt in der Chinesenstadt von New York in den 30-40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Tom Fong, seine Frau, seine beiden erwachsenen Söhne Loy und Ah Tong und die beiden dreizehn und neun Jahre alten Kinder, Tom und Eva, stehen vor der Aufgabe, sich als Familie in der Chinesenstadt von New York zurechtzufinden, und erleben am eigenen Leibe die Geschichte vom Durchhalten und vom siegreichen Daseinskampf. Vater Fong ist schon seit dreißig Jahren, mit kurzen Unterbrechungen im heimatlichen Südchina, in den Vereinigten Staaten. Er arbeitet rastlos und unermüdlich in „Tom Fongs Handwäscherei“ dicht bei der Third Avenue. Sein Sohn Loy steht ihm immer zur Seite, auch dessen Frau, die einundzwanzigjährige Italienerin Flora. Der zweite Sohn, der mit sechzehn Jahren als Matrose eingewandert ist, hält sich von den Seinen abgesondert, betätigt sich als Versicherungsagent und nennt sich, da er als rechter Amerikaner gelten möchte, Frederick A. T. oder Freddy.

 

Die Botschaft des Fremden: Ins Dt. übertr. v. Ursula Löffler (Famous Chinese short stories. Retold by Lin Yutang, 1952). Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt, 1954, 1. Aufl., 341 S., Dt. EA 1954.

Das Büchlein enthält siebzehn Neufassungen von altchinesischen Abenteuer- und Geistergeschichten, Liebes-Novellen und Märchen aus der Zeit zwischen dem 8. bis 17. Jhd. Lin Yutang vermittelt dem Abendland in vielen Farben die Fülle ostasiatischer Dichtungen. Dies stellt ein würdiges Gegenstück zu seinen philosophischen Essays und der Kulturgeschichte Chinas dar. Seine Auswahl begründet er damit, diese einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen und den Ansprüchen einer modernen Novelle „Xiaoshuo“ möglichst gut zu entsprechen.

Eines der enthaltenen Märchen unter dem Titel „Aschenbrödel“ (灰姑娘 - Hui guniang), das schon aus der Zeit lange vor der Qin-Dynastie (221-206 v. Chr.) stammt und von Duan Chengshi (gest. 863) aufgezeichnet wurde, führt in die ältesten Zeiten Chinas. Lin Yutang hat es möglichst genau übersetzt, um die erstaunlich nahe Verwandtschaft der Motive mit späteren slawischen und germanischen Darstellungen deutlich werden zu lassen.

 

Die Kurtisane. Aus dem Engl. v. Leonore Schlaich (Courtesan [Miss Tu], 1950). Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1952, 6.-10. Tsd., 113 S., Dt. EA 1951

Diese Nacherzählung geht auf die berühmte Novelle „Du Shiniang“ (杜十娘怒沉百宝箱), aus der Sammlung „Jingu qiguan“ - Wundersame Geschichten aus alter und neuer Zeit, zurück. Der Autor der Geschichte ist nur unter dem Pseudonym „Baoweng laoren“ bekannt.

Li, der Sohn eines hohen Regierungsbeamten aus Changchow, kommt als Student nach Peking. Er schließt sich, „schüchtern, zärtlich und zutraulich von Natur“, an seinen Landsmann Liu an. Bei einem Ausflug zum „Tempel der vollkommenen Seligkeit“ begegnen sie im Ruderboot einem auffallend schönen jungen Mädchen mit einer älteren Frau. Es ist „Miß Tu Nummer Zehn“ mit Madame Tu, der Besitzerin eines „Musikhofes“ in Peking. Als „Miß Tu“ mit fünfzehn Jahren nach dem Tod ihrer Eltern verkauft worden war, hatte sie sich mit Ergebung in ihr Schicksal gefunden und war als eine der begehrtesten und erfolgreichsten Kurtisanen berühmt geworden. Sie sehnt sich nach einem Mann, der sie verehrt und vor dem sie sich nicht zu verstellen braucht, einem Mann, der ihr nicht vorwirft, sie sei langweilig, wenn sie einmal müde ist.

 

Weitere Werke Lin Yutangs:

Weisheit des lächelnden Lebens (The importance of living, 1937). Hamburg: rororo (= Rowohlt Taschenbuch Verlag; 5055), 1960, 1. Aufl., 384 S., Dt. EA 1960.

Ein wenig Liebe ... ein wenig Spott. Aus dem Amerik. übertr. v. Ines Loos (With love and irony, 1942). Zürich: Verlag Rascher & Co., 1943, 1. Aufl., 309 S., Dt. EA 1943

Die Rote Peony. Aus dem Amerik. v. Iris und Rolf Helmut Foerster (The red Peony, 1961). Berlin; Darmstadt; Wien: Deutsche Buch-Gemeinschaft C. A. Koch’s Verlag Nachf., 1967, 1. Aufl., 364 S., Dt. EA 1964

Festmahl des Lebens. Eine Geschichte und Gedanken aus China. Ins Dt. übertr. von Ursula Löffler u. W. E. Süskind. Hrsg. u. mit einem Nachw. v. Fritz Fröhling.. In: Hyperion-Bücherei. Freiburg i. Breisgau: Hyperion-Verlag, 1961, 1. Aufl., 145 S., Dt. EA 1959 Minibuch

Leb wohl Sunganor. Roman aus einem fernen Land. Aus dem Amerik. v. Maria Wolff (The Vermilion gate, 1953). Berlin; Frankfurt: G. B. & Co. Verlags- und Vertriebsgesellschaft, 1954, 1. Aufl., 443 S., Dt. EA 1954

Lin Yutang (Hrsg.): Konfuzius. Aus dem Amerik. v. Gerolf Coudenhove (The Wisdom of Confucius, 1938). In: Bücher des Wissens. Bd. 154. Frankfurt/M.; Hamburg: Fischer Bücherei, 1957, 1. Aufl., 204 S., Dt. EA 1957

Lin Yutang (Hrsg.): Laotse. Aus dem Amerik. v. Gerolf Coudenhove (The Wisdom of Laotse, 1948). In: Bücher des Wissens. Bd. 89. Frankfurt/M.; Hamburg: Fischer Bücherei, 1956, 51.-75. Tsd., 216 S., Dt. EA 1955

Über Lin Yutang:

Erbes, Martin; Qing, Xianci u.a.: Drei Studien über Lin Yutang (1895 - 1976). In: Chinathemen. Bd. 41. Bochum: Universitätsverlag Dr. N. Brockmeyer, 1989, 332 S., Dt. EA 1989

 

Zum Schluss noch zwei Werke seiner Töchter, die sich ebenfalls schriftstellerisch betätigten:

Lin Anor [d.i. Lin Taiyi - 1926-2003]: Das Leben ist stärker. Ins Dt. übertr. v. L. Rossi (War tide, 1943). Zürich: Büchergilde, 1945, 1. Aufl., 347 S., Dt. EA 1945

Tan Yun [d.i. Lin Adet o. Lin Fengru - 1923-1971]: Das Mädchen und der Soldat. Ins Dt. übertr. v. Eva M. Röder (Flame from the rock, 1943). Zürich: Fretz & Wasmuth, 1947, 1. Aufl., 347 S., Dt. EA 1947

 

Als Quelle habe ich folgendes Werk benutzt:

 

Der Romanführer. Bd. 23. Der Inhalt der Romane und Novellen der Weltliteratur - Die Literaturen Asiens von den Anfängen bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Bernd und Jutta Gräf. Verlag Hiersemann, 1991, 314 S.